Dr. Peter Reitler


„Meine Heimatgefühle haben sich im Laufe des Lebens gewandelt …“


Herr Dr. Peter Reitler ist 1934 in Leipzig geboren und dort aufgewachsen. Nach dem Krieg war es nicht leicht eine Ausbildungsstelle zu bekommen. 1948 lernte er auf Empfehlung von Bekannten seiner Eltern den Beruf des Chemiewerkers in einer Rauchwarenfärberei in Leipzig. Die Stadt Leipzig war damals und vor allem vor dem Zweiten Weltkrieg die Hochburg der Pelzindustrie in Europa. „Nachdem der Betriebsleiter und wenig später dessen Bruder gestorben waren, entschloss ich mich zu einer Meisterausbildung

und habe den Betrieb übernommen, in dem ich vorher meine Ausbildung gemacht

hatte.“, erzählt Peter Reitler. Er war somit wohl zu jener Zeit der jüngste Handwerksmeister in der DDR.


Foto: Kati Schulz

 

Steckbrief Name: Dr. Peter Reitler Wohnort: Hildburghausen Alter: 87 Jahre Hobbys: lesen, wandern, reisen, Kreuzworträstel lösen, mit Freunden und Bekannten treffen

 

Berufliche Neuorientierung


„Wegen einer Allergie musste ich mich beruflich umorientieren. Zwischenzeitlich war das Interesse für den Bereich Arbeitspsychologie entstanden und ich besuchte in meiner Freizeit Gastvorlesungen an der Leipziger Universität.

Um ein Direktstudium im Fach Psychologie aufzunehmen, war es erforderlich, die Hochschulreife zu erlangen. Deshalb holte ich das Fachabitur nach, indem ich extern eine Prüfung absolvieren musste.“ Diese gelang erfolgreich, wie auch das sich anschließende Direktstudium im Fach „Psychologie“. Ein ihm bis dahin wenig bekannter Absolvent des gleichen Studienganges hatte 1965 schon eine Arbeit als Psychologe in Aussicht. Herr Reitler fragte ihn bei einem Glas Bier in einer Leipziger Kneipe, wo ihn der berufliche Weg hinführe. Er meinte: „Nach Hildburghausen.“ Herr Reitler entgegnete ihm spontan: „Frag doch mal, ob sie dort noch einen Psychologen brauchen?“ Wenig später schickte ihm der Bekannte eine Karte mit einem Termin zu einem Vorstellungsgespräch. „So landete ich in Hildburghausen, wo ich bis zur Rente 1999 als Psychologe im damaligen Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie tätig war, zunächst als Psychotherapeut und später im Bereich Diagnostik.“

Ein nicht geringer Bestandteil seiner Arbeit war auch die gutachterliche Tätigkeit, zum Beispiel indem er im Auftrag von Gerichten Aussagen zur Glaubwürdigkeit von Personen in Bezug auf juristisch relevante Sachverhalte zu treffen hatte.

Seine zweite Frau und große Liebe seines Lebens lernte er in einem Bulgarienurlaub kennen. Beim ersten Anblick dachte er sich: „Das ist die Frau, mit der ich alt werden will!“ Scherzhaft meint Herr Reitler in unserem Interview: „Und meine Frau dachte sich: ‚Dann nehm‘ ich ihn halt!‘“. Seine Frau Lonny stammte auch aus Leipzig. Das war allerdings reiner Zufall. Oder ?...

Als sein beruflicher Weg Herrn Dr. Reitler mit 32 Jahren nach Hildburghausen führte, folgte Lonny ihm wenig später in die neue Heimat. Seine Ehefrau arbeitete in Hildburghausen überwiegend als Kinderärztin auf der Kinderabteilung des hiesigen Krankenhauses.


Die Heimatgefühle änderten sich in kleinen Schritten ...


Anfangs hatte Herr Dr. Reitler noch Probleme mit der Sprache, dem so genannten „Platt“ (dem fränkischen Dialekt). Er musste nicht selten nachfragen, wie zum Beispiel: „Was haben Sie gesagt?“ oder „Würden Sie das bitte nochmals in Hochdeutsch wiederholen?“, aber dann klappte es immer besser.

In den ersten zwei Jahren, in denen die Reitlers in Hildburghausen wohnten, meinte das Paar noch, wenn sie von „Heimat“ sprachen, die Stadt Leipzig und sagten in Hildburghausen: „Wir müssten mal wieder nach Hause fahren.“

Quasi noch ungewohnt und heimatfremd, merkte dass Paar später, dass sie sich nach einem Besuch in Leipzig wieder freuten „nach Hause“ zu kommen und erkannten, dass Hildburghausen ihre neue Heimat geworden war. Wenn Herr Dr. Reitler heute nach Leipzig fährt, erinnert nicht mehr viel an das Leipzig, wie er es als Kind, als Jugendlicher und junger Erwachsener erlebte und kannte. „Alles hat sich verändert: die Gebäude, die Straßen und vieles mehr. Das erste Drittel meines Lebens war Leipzig meine Heimat. Denn hier war meine Familie, Freunde und die Sportkameraden vom Ruderverein, mit denen ich nach meinem Umzug nach Hildburghausen weiterhin persönliche Kontakte pflegte. Daran änderte auch die

Tatsache nichts, dass wir, meine beiden Brüder und ich, von 1944 bis zum Kriegsende zu unserer Tante ins Erzgebirge, einem Dorf bei Chemnitz, zogen. Der Grund hierfür war, dass die Bombenangriffe der Alliierten auf Leipzig zunahmen und das Leben dort gefährlicher wurde. In dieser Zeit fiel auch mein Vater im Zweiten Weltkrieg. Unsere Mutter blieb in jener Zeit in Leipzig, um die Existenz der Familie zu sichern.“


Kulturelle Aktivitäten in der DDR


Gerne ging Herr Dr. Reitler mit seiner Ehefrau Lonny ins Staatstheater Meiningen und zu Konzerten der Suhler Philharmonie ins Theater seiner Heimatstadt Hildburghausen. Hierfür wurde ihm damals ein Konzertanrecht angeboten, was er mit seiner Frau regelmäßig und mit Freude in den 70er und 80er Jahren nutzte. In den Großstädten der DDR musste man für solchen Karten lange anstehen oder konnte diese nur über Beziehungen erwerben, berichtet Herr Dr. Reitler.



Lieblingsplatz


Die frische Luft genießen, einen Kaffee trinken und dem Zwitschern der Vögel lauschen – das genießt Herr Dr. Reitler an seinem Lieblingsplatz, seiner Terrasse. Diese ist für ihn das kleinste und ihm sehr nahestehende Stück Heimat.



Wanderlust


Eine große Leidenschaft von Herr Dr.  Reitler war und ist das Reisen und Wandern. Mit seiner Frau und seinen Wanderfreunden machte er viele Wanderungen in Thüringen. Besonders schön waren für ihn die Wanderungen im Vessertal, ausgehend von Breitenbach führten sie die Wege ins Vesser- oder ins Rossbachtal bei Breitenbach in der Nähe von Schleusingen. Diese Wanderrouten sind ihm in besonders schöner in Erinnerung geblieben.

Mit nunmehr 87 Jahren wandert er natürlich nicht mehr solch ausgiebig lange Touren wie in jüngeren Jahren. Aber Wanderungen bis zu 10 km unternimmt er auch jetzt noch gern. Er möchte auch nach dem Tod seiner liebsten Lonny im Februar 2021, noch Neues sehen und erleben. So genoss er im vergangenen Jahr ein paar Tage Urlaub in Kroatien.


Regionales Lieblingsessen


Regionale Köstlichkeiten à la Thüringer Küche sind für ihn Rostbrätl, Thüringer Rostbratwurst und natürlich die Thüringer Klöße – ein unverrückbarer Bestandteil seiner jetzigen Heimat.


Freude mit Freunden


Die intensivsten sozialen Kontakte zu Personen seiner Heimat pflegt Herr Dr. Reitler seit ca. zwei Jahrzehenten durch den Psychologenstammtisch, der seit dem Tod seiner Frau vor etwa einem Jahr an Bedeutung gewonnen hat. Er bedauert, dass pandemiebedingt etliche geplante Treffen, an denen meist sechs bis acht Personen teilnehmen, nicht stattfinden konnten. Dies dürfte sich aber spätestens mit dem Frühjahr zum Positiven ändern. Wie heißt es doch so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Zusammenfassend kann man zu den Erlebnissen von Herrn Dr. Reitler und dem Thema Heimat einen Vergleich mit einem Baum anstellen: Seine Wurzeln sind in Leipzig zu sehen. Der Stamm, die Krone, die Äste und Zweige sind fest verbunden mit Südthüringen und seiner Heimatstadt Hildburghausen. Beides kann man in seinem Leben nicht losgelöst voneinander betrachten. Und das ist auch gut so!


Text/Fotos: Kati Schulz



Erschienen in der Ausgabe 02/2022 (zum Heftarchiv).


 


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